Wir kriegen dich!

Survival of the Fittest

Wir kriegen DICH!

Vor Jahren verbrachten wir unseren Familienurlaub in Norditalien. Um der Enge des Campingplatzes und der Liegeplätze am Meer zu entfliehen, suchten wir uns eine schöne Pizzeria. Wir mussten nicht lange fahren und fanden eine, direkt an der Küstenstrasse. Man hätte draussen sitzen können, aber die Pizzeria hatte einen Kinderspielplatz.

Also assen wir drinnen.

Unsere Kinder konnten es kaum erwarten, sich nach dem Essen endlich auch zu den spielenden Kindern zu gesellen. Sie äugten immer mal wieder sehnsüchtig durch die Scheibe auf den Rasen, wo blau-gelb-rote Plastikhäuser, mit blau-gelb-roten Plastikrutschen und Plastik-Kindertischgarnituren in passender Farbe den zentralen Sandkasten umgaben.

Doch bis wir mit den Pizzen fertig waren, wollten unsere Kinder nicht mehr nach draussen. Das Fenster, das sie noch bis vor kurzem vom heissersehnten Ziel Kinderspielplatz getrennt hatte, schützte sie nun plötzlich vor der Welt da draussen.

Denn da draussen herrschte Krieg.

Krieg kommt ja von kriegen und den beiden Hauptausrichtungen, „Das kriege ICH!“ und „Ich kriege DICH!“, die gerade auf Kinderspielplätzen in zahllosen Varianten durchgespielt werden. Denn, so sicher wie du im Sandkasten Katzenscheisse findest, so sicher gibt es auf jedem Kinderspielplatz mindestens ein Arschlochkind (ein Begriff, den Michael Mittermeier für mich geprägt hat, vielen Dank!).

Das Arschlochkind blockiert den Aufstieg zur Rutsche. Dann blockiert es die Rutsche oben und tritt nach unten. Es bleibt mitten in der Rutsche sitzen, um dann später unten mit einem Haufen Dreck in der Hand auf seine Opfer zu warten. Dann trampelt das Arschlochkind über die Sandkuchen, bevor es anfängt die Plastikmöbel zu zerlegen. Abwechselnd mit roten, blauen oder gelben Tischbeinen schlägt es fortan auf die anderen Kinder ein. In seltenen Fällen ist das Tischbein violett. Dann ist das Arschlochkind mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Mädchen.

Ganz selten rotten sich die Opfer eines Arschlochkindes zu einem Mob zusammen, bewaffnet mit Stöcken, Steinen und Plastiktischbeinen, kreisen es ein, um ihm das wohlverdiente Ende zu bereiten. Das ist dann der Moment, in dem eine erwachsene Person einschreitet. In 9 von 10 Fällen ist es der Arschlochvater oder die Arschlochmutter.

Warum schreiten die Eltern der Opfer von Arschlochkindern nicht früher ein?

Sie haben selber viele einschlägigen Erfahrungen mit Arschlochkindern gemacht und später auf die harte Tour gelernt, dass Arschlochkinder immer von ihren Arschlocheltern geschützt werden, gegen die sie erfahrungsgemäss keine Chance haben. Und die Arschlocheltern haben die Wissenschaft auf ihrer Seite. Denn das Leben ist kein Zuckerschlecken und das Prinzip des Stärkeren, „the survival of the fittest“, das seit seiner Erfindung durch den Herrn Darwin kaum mehr aus unserem Leben wegzudenken ist, soll natürlich auch auf Kinderspielplätzen geübt werden. Deswegen dürfen Arschlochkinder so lange auf anderen herumhacken, bis eine Revolution ausbricht. Was natürlich unfair ist. Alle gegen einen. Deswegen schreiten dann die Erwachsenen ein.

Ich mache mir heute die grössten Vorwürfe. Hätten wir damals nur unsere Kinder gezwungen, sich den Arschlochkindern zu stellen! Unter Umständen hätte eines sogar die Chance gehabt, sich die Hackordnung hochzuarbeiten und am Ende des Urlaubs sich zum neuen König oder der Königin des Spielplatzes, zum Arschlochkind Numero Uno, aufzuschwingen. Stattdessen trösteten wir sie mit einer extra Portion Eis und der Aussicht auf dem Campingplatz doch auch einmal die Hüpfburg zu besuchen. Was natürlich gemogelt war. Denn eines wussten meine Frau und ich genau: auf dieser Hüpfburg wird mit tödlicher Sicherheit ein weiteres Arschlochkind nur auf unseren Nachwuchs warten. Kanonenfutter.

So sind unsere Kinder mit einer Scheibe oder einem Sicherheitsnetz zwischen sich und den Arschlochkindern grossgeworden. Doch auch die Arschlochkinder sind mittlerweile ausgewachsen und haben ein wichtiges Ziel im Leben, Ober-Arschloch zu werden.

Wir werden Enkel haben, meine Frau und ich. Das haben wir so fix eingeplant. Sobald wir sie haben, werden wir mit ihnen einen Urlaub in Scampia, einem Vorort Neapels verbringen. Wenn sie den überleben sind sie reif für den Kinderspielplatz. Dann werden wir den anderen mal zeigen, wo der Hammer hängt.

 

Bildcredits: By Louis Dalrymple (Library of Congress) [Public domain], via Wikimedia Commons
Tom Zai Verfasst von:

Tom Zai ist Autor, Verleger, Lehrer, Moderator, Musiker und noch vieles mehr.